
Die altehrwürdige Encyclopedia Britannica öffnet sich Bloggern und Websitebetreibern. Diese können sich seit Kurzem für einen kostenlosen Vollzugang registrieren, der bisher ausschließlich kostenpflichtig erhältlich war. Und auch die Leser der auf diese Weise registrierten Website erhalten Zugriff auf einzelne verlinkte Artikel.
Zusätzlich sind über das Blog zum Projekt Encyclopedia Britannica WebShare Widgets zu ausgewählten Britannica-Artikeln erhältlich, die man ähnlich wie YouTube-Videos in die eigene Website einbinden kann. Das sieht dann beispielsweise so aus:
Für einige Online-Berichterstattung hat die teilweise Öffnung der Britannica in den letzten Tagen bereits gesorg, in Deutschland
Halbherzige Umsetzung
Während die Einbindung der Widgets problemlos funktioniert, wird die Verwendung der Links auf einzelne Britannica-Artikel durch die Einblendung eines vollflächigen Layers über der Britannica-Website getrübt. Darin werden die nicht registrierten „Gast-Leser“, die von der verlinkenden Website kommen, dazu aufgefordert, einen kostenloses Trial-Zugang zur gesamten Enzyklopädie auszuprobieren. Leider wird dieser Layer trotz wiederholten Schließens immer und immer wieder eingeblendet, was das Lesen des dahinterliegenden Artikels so gut wie unmöglich macht.
Laut den Britannica-Werbeversprechungen sollten die Besucher der eigentlich ein kostenloser Zugriff auf eben diesen einen Artikel haben:
If you think a reference to this article on ‚[…]‘ will enhance your Web site, blog-post, or any other web-content, then feel free to link to this article, and your readers will gain full access to the full article, even if they do not subscribe to our service.
Quelle: Britannica Online Encyclopedia
Ich hoffe sehr, dass dies nur ein kleiner Fehler ist und keine Absicht. Denn im derzeitigen Zustand sind die Artikel für Nicht-Abonnenten komplett unbenutzbar und eine Verlinkung auf sie daher völlig sinnlos. Das allerdings kann keinesfalls im Sinne der Erfinder sein, denn die Generierung von möglichst vielen Backlinks ist ganz offensichtlich eines der Ziele der ganzen Aktion.
Suchmaschinenoptimierung und Mundpropaganda – verlinkt sein ist alles
Das am häufigsten verlinkte Online-Nachschlagewerk ist Wikipedia. Über die Qualität und Glaubwürdigkeit der Inhalte kann man sich streiten. Doch Gegensatz zu Brockhaus, Encyclopedia Britannica und Co. hat die Wikipedia den entscheidenden Vorteil, frei verfügbare Inhalte anzubieten. Deswegen ist es leicht, beispielsweise in einem Blog-Artikel einen Fachbegriff schnell mit der entsprechenden Erklärung in der Wikipedia zu verlinken. Man kann als Autor die von manchen Lesern benötigte oder zumindest gern gesehene Detailerklärung auf diese Weise einfach, schnell und komfortabel outsourcen.
Viele Links sind viel wert im Online-Marketing. Zum einen sind Links eine Form der Mundpropaganda. Das bringt Besucher, und zeigt meistens, dass über das verlinkte Angebot geredet wird. Bekanntheit und Relevanz steigen im Idealfall.
Zum anderen pushen Links von anderen Seiten die eigene Website auch bei Suchmaschinen, insbesondere bei Google, nach oben. Off-Site-Optimierung nennen die Suchmaschinenoptimierer (die mir die grob vereinfachte Darstellung an dieser Stelle verzeihen mögen) das. Und besonders nützlich sind diese Backlinks, wenn deren Linktext wichtige Suchbegriffe enthält. Bei den Links zu den Wikipedia-Artikeln ist dies oft ganz von selbst der Fall, denn schließlich dienen sie meist der Erklärung des jeweiligen Begriffs.
Folgerichtig bietet findet sich für angemeldete Websitebetreiber dann auch über jedem Britannica-Artikel neben den Icons „Print“ und „E-Mail“ zusätzlich noch das Icon „Share“. Angeboten wird eigentlich nur die aktuelle URL, jedoch bereits verpackt in einen kleinen HTML-Schnipsel, der als Linktext die Artikelüberschrift enthält. Offenbar will man ganz sicher gehen, dass die Artikel auch „richtig“ verlinkt werden.

Soweit so gut. Die Britannica-Verantwortlichen haben offenbar endlich eingesehen, dass sie im Web ohne eine gute Backlink-Basis freien Angeboten wie Wikipedia wohl nie etwas entgegenzusetzen haben werden. Denn selbst wenn der Internet-Massenmarkt nicht das eigentliche Ziel der Britannica sein sollte, so geht es hier schlicht um Relevanz. Qualität ist eben (leider?) nicht alles. Wenn sich immer weniger Menschen auf ein Nachschlagewerk als Quelle berufen, ist das aus Marketingsicht bedenklich.
Teaser-Marketing nach dem Vorbild des Podsafe Music Network
Auch wenn mir die Idee mit der Freischaltung einzelner Artikel für Leser verlinkender (und vorher angemeldeter) Websites anfangs recht eigenwillig vorkam – so ungewöhnlich ist der Weg eigentlich gar nicht. Wer sich ein wenig mit (Musik-)Podcasts beschäftigt, dem wird die Grundidee dieses Modells bekannt vorkommen.
Portale wie das Podsafe Music Network oder IODA Promonet arbeiten im Grunde nach dem gleichen Prinzip: Bands bieten dort angemeldeten Podcastern einen Teil ihrer Songs an. Die Podcaster dürfen sich die Songs herunterladen und kostenlos in ihren Podcasts spielen. Im Gegenzug nennt der Podcaster die Band und ggf. die Website, oder sie verweisen auf Quellen wie den iTunes Store oder CD Baby, wo interessierte Hörer dann das komplette Album käuflich erwerben können. Für den Hörer ist der innerhalb des Podcasts gespielte Song kostenlos. Da er sich die Podcast-Folge in der Regel auf den eigenen Rechner oder MP3-Player herunterlädt, kann er sich den Song auch beliebig oft anhören. Doch als kleine Einschränkung ist dieser in den Podcast eingebettet, was das Anhören auf die Dauer etwas umständlich macht. Wer mehr will, muss zahlen – eine meiner Meinung nach für alle Beteiligten sehr faire Promotion-Methode.
Doch im Gegensatz zum Britannica-Angebot hat die Musikbereitstellung für Podcaster und Podcasthörer einen entscheidenden Vorteil: Sie funktioniert uneingeschränkt. Nur dadurch kann eine breite Akzeptanz entstehen. Deswegen: Bitte, bitte liebe Britannica-Macher, entfernt schleunigst diese hartnäckig wiederkehrenden Erinnerungen, die den gesamten Artikel-Text überlagern. Sonst hättet ihr euch die ganze Aktion auch sparen können. Ein praktisch unbenutzbares Angebot wird nicht auf Akzeptanz stoßen – weder online noch offline. Es wäre eigentlich schade, wenn dieser eigentlich gute Ansatz aufgrund der schlechten Umsetzung im Sande verlaufen würde.


