
Mein persönliches Fazit der next08 fällt gemischt aus. Es gab einige sehr inspirierende Vorträge. Die Podiumsdiskussionen, die ich mir angesehen habe, konnten mich allerdings nicht überzeugen.
Wie immer bei einer so großen Veranstaltung gab es häufig interessante Vorträge, die gleichzeitig in verschiedenen Räumen stattfanden. Die Auswahl meiner Highlights ist also sehr subjektiv. Zum Glück wird es in Kürze alle Vorträge, Podiumsdiskussionen usw. als Videomitschnitte im Netz zu sehen geben. Die Videomitschnitte der Vorträge und Podiumsdiskussionen kann man sich direkt auf der next08-Website ansehen. Insbesondere die Vorträge „Nutzung von Networks: Wie Markenartikler vom Real-Time-Trend profitieren“ von Nils Andres (Brand Science Institute) und „Accelerating the Speed of Innovation – Compete on Ideas not Resources“ von Werner Vogels (Amazon) sowie die Diskussion „Free! Wie wir morgen Musik kaufen“ mit Stefan Glänzer (LastFM) und Ingo Vandre (SPV) hätte ich sehr gerne live gesehen.
Persönliche Highlights
Highlights des Konferenzprogramms waren für mich:
- „10 Trends that Will Shape Your Digital Future“
Steve Rubel (Edelman)
(Vortrag ansehen: Foliensatz)
Sehr realistisch teilt Steve Rubel die seiner Meinung nach wichtigsten Trends in die Kategorien „faint signals“, „watch list“ und „hallucinations“ ein. Leider habe ich mir nicht alle Thesen mitgeschrieben. Deshalb warte ich gespannt auf den Videomitschnitt des Vortrags. Eine Zusammenfassung gibt es aber auch in Alex Wunschels Blick über den Tellerrand Nr. 164. Eine wichtige Mahnung blieb jedoch im Gedächtnis: Besonders diejenigen Marketer, die bereits stark im Social Web involviert sind (also auch ich), sollten versuchen, einen Tunnelblick zu vermeiden. Social und User-generated Was-auch-immer sind zwar stark im kommen, doch in vielen Bereichen nach wie vor noch nicht massentauglich. Und auch längst nicht jeder Online-Nutzer hat das Bedürfnis, immer und überall selbst so viele Inhalte zu produzieren, wie wir Blogger und Web-2.0-Geeks dies tun. Auch wenn das jetzt ein wenig desillusionierend klingen mag, war Rubels Vortrag für mich definitiv einer der inspirierendsten – gerade wegen seiner Verbinugng von Vision und realistischer Betrachtungsweise.
- „Social revolution on the Web, and it’s impact on business, media, and society … and us, as individuals.“
Stowe Boyd (/Message)
(Vortrag ansehen: Videomitschnitt, Foliensatz)
Von Stowe Boyds Vortrag ist mir vor allem „The Web of Flow“ in Erinnerung geblieben. Danach kann man in verschiedenen Bereichen auf asynchrone Kommunikation verzichten. Wichtige Informationen werden in ständig aktualisierten Echtzeit-Kommunikations-Systemen wie dem Twitter-Stream ganz von selbst immer wieder behandelt. Dadurch ist die Chance, Wichtiges auf diese Weise mitzubekommen, wenn man gerade online ist, ausreichend groß. Ein interessanter Ansatz, um der immer größer werdenden Informationsflut Herr zu werden. Mehr zu den Vorträgen von Steve Rubel und Stowe Boyd kann man beim Fischmarkt lesen.
- „Branded activities and social media in the age of Youcracy“
Jimmy Maymann (GoViral)
Gezeigt wurden sehr gute, aktuelle Beispiele, wie (virales) Online-Marketing im Social Web funktioniert. Kampagnen, die so gut wie alle Möglichkeiten des Online-Marketing nutzen und die Marke auf mitreißende Art direkt dort aktiv werden lassen, wo die Zielgruppe im Netz aktiv ist, sind eben einfach deutlich interessanter und letztlich auch erfolgreicher als uninspirierte Display-Störerwerbung auf großen Portalen, mit der Besucher auf eine vor Selbstbeweihräucherung strotzende und dadurch langweilige Kampagnen-Website gelotst werden sollen. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu. Anregende Beispiele (hier vor allem die US-Kampagne für den Nissan Qashqai) sind jedoch immer wieder gerne gesehen.
Im Gedächtnis blieb außerdem der Satz: „YouTube killed the Videostar.“ Jimmy Maymann stellte deutlich heraus, dass sich die Medienlandschaft ändert, vor allem im Jugendbereich. Er führte vor allem drei Folgen dieses Wandels an: „from consumers to users“, „from broadcasting to narrowcasting“ und „from ads to content“. Und gerade die letzte Auswirkung wurde mit der Nissan-Qashqai-Kampagne wunderbar illustriert. Dass Verlage und Medienverantwortliche nur sehr zögerlich auf diese Entwicklungen reagieren – was verschiedene Podiumsdiskussionen leider nur allzu deutlich belegten – wurde ebenfalls angesprochen. Maymann sieht die Gründe hierfür vor allem in der noch viel zu geringen Zahl erfolgreicher Case Studies. Und außerdem – „it takes time“. Mehr zum Vortrag von Jimmy Maymann gibt es beim Fischmarkt.
- „Marketing in Real Time: Using Social Media to Engage Your Target Audience“
Nate Elliott (JupiterResearch)
(Vortrag ansehen: Videomitschnitt, Foliensatz [PDF])
Ich hatte das Gefühl, Elliott führte mit seinem Vortrag die Argumentationen von Maymanns Vortrag quasi nahtlos fort. Im Gedächtnis blieb mir hier vor allem der Satz: „In a social world, you must be part of the conversation.“ Dabei gibt es laut Elliott vor allem zwei Probleme, die ich aus meiner Erfahrung voll und ganz bestätigen kann: Zum einen haben Marketer meist keine Ahnung von Social Marketing. Zum anderen haben Sie keine Ahnung davon, wie man den Erfolg von Social Marketing misst. Interessant übrigens, dass Elliott betonte, dass klassische Online-Werbung (d. h. Banner usw.) auch in Social-Marketing-Kampagnen einen sinnvollen Beitrag leisten können – vorausgesetzt, sie werden richtig eingesetzt. Denn ganz auf virale Effekte will er sich nicht verlassen: „Your messages aren’t going to promote themselves.“
Ein weiterer erfolgskritischer Faktor beim Social Marketing ist die Fokussierung auf die Einbindung und Bindung der User. Gebrandete Seiten in Social Networks dürfen daher keinesfalls aussehen wie (statische) Microsites, auf denen es keine Interaktionsmöglichkeiten gibt. Der wohl wichtigste Punkt seines Vortrags war schließlich: „If you’re not measuring resultes, you’re wasting money.“ Gerade im Social-Media-Bereich stehen die Methoden und Lösungsansätze zur Erfolgsmessung zwar noch ziemlich weit am Anfang. Doch selbst wenig messen ist besser als gar nicht messen – und seien es auch nur banale Kennzahlen wie Pageviews oder die Anzahl der MySpace-Freunde. Mehr zum Vortrag von Nate Elliott gibt es beim Fischmarkt.
- „Enterprise 2.0 – Der Wert von Vernetzung? Unbezahlbar.“
Sören Stamer (CoreMedia)
(Vortrag ansehen: Videomitschnitt, Foliensatz)
Neben dem Vortrag von Steve Rubel war dies in meinen Augen der visionärste Vortrag der gesamten next08. Hier ging es jedoch nicht um Marketing, sondern darum, wie die Prinzipien des Social Web (die jedoch nicht zwangsläufig an Web-2.0-Technologien gebunden sein müssen) sinnvoll für die Unternehmensorganisation eingesetzt werden und diese sogar revolutionieren können. Wichtigster Satz dieser Präsentation war wohl „Enterprise 2.0 = weniger Kontrolle“. Der Zuwachs an Kreativität, kollektiver Intelligenz, Geschwindigkeit und Effektivität sind lt. Stamer jedoch unbezahlbar.
Gut, aber für mich persönlich nicht neu
Der Überblick über die aktuellen Live-Video-Streaming-Möglichkeiten und -Angebote im Netz unter dem Titel „Come and Chat: Live Stream Media“ mit Markus Angermeier und Martina Pickhardt war sehr übersichtlich gestaltet und gut vorgetragen. Für jeden, der Mogulus, Ustream.tv, Qik und Co. noch nicht kannte, war dies ein optimaler Einstieg. Für mich persönlich war zwar nicht viel Neues dabei, doch sehenswert war es trotzdem. Das Video gibt es beim Fischmarkt. Den Foliensatz kann man sich bei Slideshare ansehen und herunteralden.
Nicht ganz so gelungen
Die drei Keynotes von Geraldine Wilson (Yahoo!) (Videomitschnitt, Foliensatz [PDF]), Matt Cohler (Facebook) und Michael Jennings (Google) (Videomitschnitt) waren zwar als Präsentationen an sich nicht schlecht. Doch unter einer Keynote verstehe ich eigentlich etwas anderes: Gedanken, Thesen und Diskussionsanregungen zu einem Thema präsentieren, Fragen aufwerfen, aktuelle Entwicklungen kritisch reflektieren und mögliche Trends skizzieren. Das ganze am besten noch visionär, inspirierend und gerne auch ein wenig kontrovers. Die drei next08-Keynotes waren dagegen im Grunde über weite Strecken lediglich Unternehmens-/Produktpräsentationen. Zwar ein bisschen zukunftsorientiert, doch für meinen Geschmack zu wenig visionär und nur mäßig inspirierend. Schade, da hätte man mehr draus machen können.
Ebenfalls ein wenig flau fand ich folgende Vorträge und Podiumsdiskussionen:
- „Print und TV sind nicht tot und Online ist nicht das Paradies. Wie kommen alte Allianzen zu neuer Stärke?“
Sven Dörrenbacher (Daimler) und Ralf Schremper (Bertelsmann)
Eigentlich kann man den Gehalt der gesamten Podiumsdiskussion sehr treffend mit der Zuschauerfrage von Thomas Knüwer an die beiden Herren auf dem Podium zusammenfassen: „Fühlen Sie sich nicht fürchterlich deplatziert hier?“ Die Diskussion zeigte leider sehr deutlich, wie stark sich viele Marketing- und Medienverantwortliche nach wie vor an Althergebrachtes klammern und wie gering oder genauer gesagt nicht vorhanden der Mut ist, proaktiv mit Themen wie Web 2.0 und Social Media umzugehen. Ralf Schremper beteuerte zwar, Bertelsmann versuche, „den Kunden zu folgen“ und um die Kernmarken herum Communitys aufzubauen. Doch in meinen Ohren klang dies eher wie nach „aber nur wenn es denn unbedingt und unausweichlich sein muss“.
Hier noch einige Zitate, die ich mir notiert habe:
„Der 30-Sekünder ist immer noch das kontaktstärkste Werbemittel.“ (Sven Dörrenbacher)
„Radio ist eines der profitabelsten Geschäfte.“ (Ralf Schremper)
„Internet ist nur ein ergänzendes Medium.“ (Leider habe ich mir nicht aufgeschrieben, von welchem der beiden Herren der Satz stammte.)
„Der Kanal ist Egal. Hauptsache Digital. Hauptsache wirkungsvoll.“ (Sven Dörrenbacher)
- „Die Antwort auf holidaycheck.com“
Oliver Rengelshausen (Thomas Cook) und Stefan Schaub (TUI)
Im Grunde zeigte sich hier das gleiche traurige Bild wie in der Daimler-Bertelsmann-Podiumsdiskussion. Deswegen keine weiteren Details.
- „Der Bürger als Journalist: Geliebt oder geduldet?“
Jochen Wegner (FOCUS online) und Katharina Borchert (Der Westen)
(Podiumsdiskussion ansehen: Videomitschnitt)
Die Diskussion hätte spannend werden können. Doch in meinen Augen lief sie völlig am Thema vorbei. Die meiste Zeit wurde nämlich lediglich über die Nutzung und Ausgestaltung von Kommentarfunktionen auf Zeitungs-/Zeitschriften-Websites geredet. Mehr zu dieser Podiumsdiskussion gibt es beim Fischmarkt.
- „Spielekonsolen. Was sie können. Warum sie begeistern. Warum sie der PC der Zukunft sind.“
Moses Grohe (GEE Games Magazin)
Dass Spielekonsolen heutzutage mit weitreichenden Online-Funktionen ausgestattet sind und teilweise sogar als Mediacenter im Wohnzimmer dienen können, wusste ich bereits. Ansonsten war der Großteil des Vortrags leider ein Kampf mit der Technik, die leider nicht so funktionierte, wie sie sollte. Von den im Vortrags-Titel gestellten Fragen, wurde meinem Eindruck nach keine Einzige beantwortet. Und auch sonst war mir nicht ganz klar, was mir in diesem Vortrag überhaupt nahegebracht werden wollte. Trotzdem auch hier der Verweis auf weitere Details beim Fischmarkt.
Und dann waren da noch …
… die Elevator Pitches (Videomitschnitt, Foliensätze [PDF]), bei denen zehn Web-Startup-Unternehmen Ihre Geschäftsideen unter Zuhilfenahme von genau zehn PowerPoint-Folien in exakt drei Minuten vorstellen durften. Die einzelnen Seiten der Präsentationen wechselten automatisch im 18-Sekunden-Takt. Und auch AUftitt und Abgang der Präsentatoren musste im fliegenden Wechsel geschehen. Die Rahmenbedingungen waren also durchaus eine Herausforderung. Sascha Lobo spielte währenddessen den Gegenpart und versuchte in seiner Rolle als skeptischer Investor immer wieder, die Präsentatoren mit unbequemen Zwischenfragen aus der Reserve zu locken. Leider wurden diese Zwischenfragen von den Vortragenden fast immer mit der Begründung „keine Zeit mehr“ übergangen.
Inhaltlich fand ich die meisten Geschäftsmodelle allerdings nur wenig überzeugend. Bei den wenigsten der vorgestellten Ideen glaube ich, dass man damit letztendlich tatsächlich Geld verdienen kann. Auf mich wirken viele der an allen Ecken und Enden hervorsprießenden Web-2.0-Gründungen dann doch sehr blauäugig was die Solidität des Geschäfsmodells angeht. Letztendlich geht es in 90 Prozent der Fälle um irgendwelche Abwandlungen simpler Community- und Social-Network-Ideen. Als ob wir davon nicht schon genug hätten. Vielleicht liege ich falsch und tue den ambitionierten Gründern Unrecht. Doch meiner Meinung nach haben nur wenige Startups eine reelle Überlebenschance.
Fazit
Die von SinnerSchrader vorbildlich organisierte und durchgeführte Veranstaltung – großes Lob – konnte meine (vielleicht überzogenen?) Erwartungen nicht ganz erfüllen. Von einer Konferenz, bei der es um die Zukunft des Web gehen sollte, hätte ich mir mehr visionäre Inspiration (klingt komisch, is’ aber so) erwartet. Trotzdem haben es einige Vortragende geschafft, Visionen und realistische Sichtweise gelungen miteinander zu verbinden. Vor allem der hohe Anteil englischsprachiger Referenten war in dieser Hinsicht ein deutlicher Pluspunkt.
Dadurch wurde mir aber auch besonders klar, wie weit Deutschland im internationalen Vergleich bei Themen wie Web 2.0, Social Web oder dem mobilen Internet tatsächlich noch zurückliegt. Auch wenn in den USA oder dem europäischen Vorreiter Großbritannien nicht alles Gold ist, was mit einer webzweinulligen Optik, dem Wort „Beta“ im Logo und Community-Features in Hülle und Fülle glänzt. Doch die typisch deutsche Mentalität „Das ist meins, und drumherum baue ich als erstes einmal einen möglichst hohen Zaun, damit ich auch ja die Kontrolle behalte“ steht einer spürbaren massentauglichen Verbreitung des Mitmach-Webs offenbar noch immer im Wege.
Nur als ein Indikator sei genannt: Selbst bei einer Web-Trend-Veranstaltung wie der next08, auf der bestimmt in jedem zweiten Vortrag das Microblogging-Tool Twitter erwähnt wurde, hatten höchstens geschätzte 15 bis 20 Prozent der Teilnehmer überhaupt einen Twitter-Account. Und das in einer Zeit, in der Twitter für US-Präsidentschaftskandidaten bereits ganz selbstverständlich zum Medienmix dazu gehört.
Den deutschen Unternehmen und Online-Machern kann man also nur raten: Die Entwicklung der Relevanz zu beobachten, bevor man sich an große Investitionen wagt, ist zwar vernünftig und sinnvoll. Doch ein wenig mehr amerikanische Proaktivität wäre ein willkommenes und notwendiges Gegengewicht zur konservativen deutschen Sicherheits-Mentalität. Erfahrungen und erfolgreiche Umsetzungen, an denen man sich orientieren kann, gibt es bereits. Was jedoch offenbar häufig fehlt, ist der Mut, Neues auszuprobieren und die bequeme „Das haben wir aber schon immer so gemacht“-Position zu verlassen.
Abschließend möchte ich noch die vielen gut gemachten Präsentationen hervorheben. Nur sehr selten gab es die gefürchteten Bulletpoint-Schlachten oder einen Ablese-Marathon. Meistens wurde das Gesagte vorbildlich mit Bildern und nur sehr wenig Text visualisiert, ohne dass die Präsentationen von VOrtragenden abgelenkt hätten. Die auf der next08 gesehenen Präsentationen sind für mich auf jeden Fall ein Anlass, wieder einmal an der eigenen Präsentationstechnik zu arbeiten.

